Arbeitskreis "geographische BfNE"

Warum eine spezielle "geographische BfNE" gebraucht wird
oder:
Macht eine spezielle "geographische BfNE" überhaupt einen Sinn?

Dr.H.Saurer und R.Roseeu diskutierten am 1.3.06 über dieses Thema.

Einige Antworten darauf:

1. Was die Kuschelpädagogik auszeichnet und für Kinder wertvoll macht, das ist die nachhaltige Wirkung des unmittelbaren Kontakts eines Kindes mit seinem primären Nahraum und seinen Objekten.
Eine
Werteerziehung bei Jugendlichen in deren erweitertem Lebensraum fehlt bis heute. Vandalismus durch Jugendliche zeigt insbes. die derzeitigen großen Defizite in diesem Bereich.
Der geographische 5-dimensionale Lebensraum zeigt modellhaft Wege zu einer jugendgerechten Werteerziehung auf, weil das Modell entwicklungspsychologisch aufgebaut ist.

2. Geographisches Denken liefert eine Erweiterung des menschlichen Wahrnehmungs- und Orientierungsvermögens und zwar nicht nur in Form von "Stadt-Land-Fluss", sondern vor allem im Sinn von vernetztem Denken, globalem Denken und Nachdenken über den menschlichen Lebensraum.
Die traditionelle Umwelterziehung und viele Geowissenschaften verharren weitgehend bei der Auseinandersetzung mit der Natur und sehen den Menschen hierbei nur als Störfaktor, den es auszuklammern gilt. Auch in den Bildungsstandards der Biologie scheint dies festgeschrieben. Dies steht im krassen Widerspruch zum Konzept "BfNE". (Siehe dazu Jürgen Rost,
2001.)

3. Die Einbeziehung geographischer und geowissenschaftlicher Forschungsergebnisse (z.B. von System Erde am IPN Kiel) in die BfNE macht nur über einen geographischen Raumbezug Sinn, sonst bleibt es bei abstraktem Wissen ohne jeglichen Einfluss auf eine nachhaltige Entwicklung. Die Geographie war und ist die Wissenschaft, die die menschlichen Lebensräume auf der Erde erforscht und beschreibt. Die zahlreichen Fachdisziplinen der Geographie haben unüberschaubar viel Wissen angehäuft. Es sollte nach gründlicher Sichtung auf Schultauglichkeit und Gewichtung im Sinne einer BfNE in die schulische BfNE Eingang finden. Das Modell der 5 Dimensionen des geographischen Lebensraumes könnte bei der Auswahl der notwendigen Wissenskomponenten hilfreich sein.

4.Schulischer Umgang mit Komplexität braucht konkrete Anschauungsobjekte, die liefert am besten der eigene Lebensraum. Vester benutzte als Biologe hierzu fast ausschließlich geographische Objekte um seine Ideen zum systemischen Denken zu erklären. Erst der bewusste Bezug zum geographischen Raum zeigt Probleme, Rückwirkungen und "Grenzwertüberschreitungen" in der sich globalisierenden Welt.

5. Jürgen Rost schreibt (2001): "Die Entwicklung unseres globalen Systems in Richtung auf seine Nachhaltigkeit zu beieinflussen, setzt großes Wissen und vielfältige Kompetenzen voraus. Ein Bildungskonzept zur nachhaltigen Entwicklung ist daher nicht nur entwicklungs- und werteorientiert, sondern auch kompetenzorientiert. De Haan/Harenberg (1999) haben als zentrale Kategorie einer Bildung für Nachhaltigkeit die Gestaltungskompetenz benannt. Dies ist ein sehr komplexes Konstrukt und beinhaltet so schwierige Konzepte wie Handlungskompetenz und Bewertungskompetenz als Komponenten."
Viele Fachdisziplinen müssen zum Gelingen dieser Aufgabe beitragen:
Psychologie, Pädagogik, Didaktik, Geographie und Geowissenschaften müssen ihren Beitrag hochschulseitig liefern,
Schulfächer wie Geographie, Wirtschaft, Geschichte, Deutsch, Ethik, Kunst bilden die Exekutive.
Das Modell des 5-dimensionalen geographischen Lebensraumes könnte die Struktur abgeben für die Auswahl notwendigen Wissens und für die
Zielorientierung einer zu entwickelnden Gestaltungskompetenz. Das Modell führt mit seinen 5 Dimensionen (5 Erlebniswege) relativ kleinschrittig und altersspezifisch auf Zielformulierungen für den individuell erfahrbaren Lebensraum. Dies gilt natürlich auch für "Globalisierung lernen".
Aufbauend auf vorweg entwickelten Zielen bzw. Visionen wie "Wunschzukunft" oder "Lebensansatz"  kann dann Gestaltungskompetenz angesteuert werden. Ohne vorherige Zielformulierung wird das nicht gelingen, denn: "Ohne Ziel ist jeder Schuss ein Treffer." Das befriedigt nicht und schafft keine Motivation.

6. Beim Transfer der Vision "BfNE" in die Schule hinein spielen Modelle eine große Rolle. Der Lehrer braucht beim Betreten von Neuland einen Konzeptrahmen, in dem er sich frei bewegen kann. Einzelbeispiele zur Nachahmung können dies nicht leisten. Die größte Effizienz erreicht man sicherlich, wenn der Lehrer seine eigene Gestaltungskompetenz im Sinne einer BfNE ausbaut und den Schülern vorlebt. Er muss sich also selbst einbringen können.
Für Schulgeographen soll das Modell des geographischen 5-dimensionalen Lebensraums diese Aufgabe unterstützen. Der Schulgeograph wird, nach entsprechender Fortbildung, im jeweils aktuellen Lehrplan stark interdisziplinäre Projektarbeit durchführen, denn die 5 Dimensionen verweisen direkt auf Inhalte anderer Schulfächer. Der Fachlehrer wird zum Fachmann, zum Initiator, zum Kopf eines interdisziplinären, kompetenzorientierten BfNE-Projekts.
Erst die Herausforderung einzelner Akteure einer Schule wird etwas bewegen, ein über Schulprofile oder Dienstpläne verordneter Projektunterricht geht an der Schulwirklichkeit vorbei.
Wir plädieren deshalb für eine lehrerzentrierte Projektarbeit mit interdisziplinärem Handlungsumfeld. Bei uns sind es die Schulgeographen, die wir unterstützen wollen. Gleiches gilt aber auch für die Lehrer anderer Fächer, die sich persönlich in eine Bildung für nachhaltige Entwicklung einbringen wollen.